Sonntag, 11. Mai 2014

Partytime!



Um es gleich vorweg zu sagen:

Dieser Beitrag soll nicht die „verderbte Jugend von heute“ anprangern, wie es in den letzten Wochen auf facebook vermehrt thematisiert wurde. Obwohl ich jene Postings mehr als nur peinlich fand, hab ich mir dazu meine Kommentare – auch wenn sie spitz auf der Zunge lagen und sich vehement artikulieren wollten – verkniffen. Ich fand es nur erschreckend, wie sich Menschen Anfang/Mitte Zwanzig derart herablassend und scheinbar entsetzt über biertrinkende 16-jährige Mädchen äußern können – und dabei ganz offensichtlich vergessen haben, was sie in dem Alter alles angestellt haben. Vor allem glaubte ich den Geruch ihrer eigenen Windeln noch ganz deutlich in der Nase zu spüren…

Meine Tochter Narissara wurde 16.

Nichts Besonderes – die meisten Menschen werden irgendwann mal 16 Jahre alt und zumeist noch viel, viel älter.

Da auf Grund meiner langjährigen Arbeitslosigkeit die letzten Geburtstagsfeiern meiner Tochter ausfallen mussten, fand ich irgendwann im letzten Herbst, dass es eine gute Idee sei, ihr anzubieten, ihren 16. Geburtstag etwas größer und in einem ausgefalleneren Rahmen zu feiern. Eine Räumlichkeit im örtlichen Jugendzentrum anzumieten sollte kein Problem sein – also machte ich den entsprechenden Vorschlag, schoss in der Lokalität Fotos, damit sie sich den Ort ihrer Feier besser vorstellen konnte – und…

Es kam keine Rückmeldung…

Der besagte 16. Geburtstag im März kam und ging und die Party wurde nicht mehr angesprochen, bis eines Tages das Telefon klingelte und sich meine Frau bei mir darüber beklagte, dass „deine Tochter“ (alles vermeintlich Schlechte an meiner Tochter geht aus mir nicht ersichtlichen Gründen irgendwie immer zu meinen Lasten) eine Party mit 30 Personen machen wolle. In meinem Kopf schrillten die Alarmglocken – da gab es Gesprächsbedarf.

Es stellte sich dann heraus, dass Wee bei meinem damaligen Angebot gar nicht mit ihrer Mutter über die Möglichkeit einer Party gesprochen hatte und jetzt plötzlich glaubte, wenn sie nur den Wunsch dazu äußere, würde Vater schon alles Weitere in die Wege leiten. 
Über Planung und Organisation in einem Jugendzentrum und der Verfügbarkeit der Vermieträume schien sich Wee nicht die geringsten Gedanken gemacht zu haben. Also mietete der alte Sack, dann nach  einigem Hin und Her für Anfang Mai die Grillhütte und ließ die weitere Planung vertrauensvoll in den Händen Narissaras…

Erste Diskussionen begannen, als Wee ganz vorsichtig anfragte, wie es denn mit dem Genuss von alkoholischen Getränken während der Feierlichkeit aussehe.
„Klar“, erwiderte ich jovial. „Gegen ein bisschen Bier und Wein in Maßen ist nichts einzuwenden.“ Schließlich hatten wir auf unseren ersten Parties – damals Anno Pief, in finsterster Vergangenheit – auch unser Bierchen genuckelt. 

Gar kein Problem, wieso wohl auch…

Der Tag des großen Einkaufs vor der Party rückte näher und Wee präsentierte ihre Einkaufsliste und ich fiel erstmals beinahe aus allen Wolken.
„Was?“ entfuhr es mir. „Sechs Kästen Bier? Und all diese Schickimicki-Getränke noch dazu? Darf’s auch noch ein Döschen Kaviar sein?“
Ihr Blick sprach Bände.
„Die wenigsten trinken Bier. Am meisten trinken die Mädchen Hugo und Palmbeach und die Jungs trinken auch lieber so Lemon-Bier.“
„Aber SECHS Kästen!“

In Gedanken versuchte ich mich daran zu erinnern, wie hoch der Bierkonsum bei unseren Parties war. Wenn die Erinnerungen nur nicht immer alle so vernebelt und verschwommen wären…

„Das sind 60 Liter Alkohol, plus das ganze andere Gedöns“, rechnete ich Narissara vor. „Bei 30 Personen heißt dass locker gut und gerne zwei Liter Sprit pro Nase – mehr als ich ehrlich gesagt verantworten kann und will…“
„Och, Papa. Sei doch nicht so uncool.“ Da war es wieder – jetzt hatte sie mich beinahe wieder an ihrer Angel. 
Jetzt fehlte nur noch…

Klar, auch der Augenaufschlag und der bittende Schmollmund wurden effektvoll eingesetzt.

„Und ich bin dann für die ganzen Alkoholleichen verantwortlich. Was werden deren Eltern zu mir sagen…“ wehrte ich mich.
„Die sagen nichts – wenn einer betrunken ist von meinen Freunden, dann schläft der höchstens ein. Es wird schon keiner aggressiv…“
„Vor Aggression hätte ich auch keine Angst! Aber die kotzen dann alles voll…“
„Wenn einer kotzt, muss der das auch selber wegmachen, ist doch ganz klar, Papa.“
Wieder dieser Augenaufschlag und der Schmollmund, mit dem sie mich schon als sie klein war immer wieder um den Finger gewickelt hat – ich bin ja auch so ein gottverdammtes Weichei…
„Na gut – der erste der kotzt, den lass ich das auflecken“, gebe ich mich letztendlich geschlagen.

In dem Zusammenhang dann auch noch einmal meinen Dank an Blacky, der am Tag vor der Party die Geduld aufgebracht hat, mit uns die Einkäufe zu erledigen und der sich wohl auch einige Male gefragt haben wird, für wie viele Feten das Alkohollager gedacht sei.

Freitag war dann der große Tag.

Jetzt hieß es nur noch, am späten Nachmittag im Jugendzentrum die Hütte herzurichten. Mir selbst stand wohl ein langer Abend im Büro vor meinem Laptop bevor, denn meine Anwesenheit auf der Party war ausdrücklich nicht erwünscht.
Ich konnte es mir natürlich nicht verkneifen morgens auf facebook einen blöden Spruch wegen der Party zu posten: 

          „Checkliste für den heutigen Abend:
Alten Bundeswehr-Tarnanzug rausgekramt, entmottet, gereinigt; passt nicht mehr - der Bauch hängt  raus   - aber egal...Nachtsichtgerät besorgt - ob's funktioniert kann ich erst heute Abend feststellen...Schrotflinte auseinandergenommen, gereinigt, wieder zusammengebaut - kein Bolzen übriggeblieben - geladen... und ähem - GESICHERT...

Ich bin bereit!!!!
WAS LOS IST?

KOMMEN DIE RUSSEN?


Nein, meine Tochter feiert heute Abend ihre erste Party - auch mit Jungs.......
Ich bin blendend vorbereitet!!!“ 


Hätte ich gewusst, was der Abend bringen würde, hätte ich mir diesen Spaß gespart – und ich wurde noch von einer facebook-Freundin gewarnt, die ein ähnliches Horrorerlebnis auch schon hatte.

Schon während der Vorbereitungen in der Hütte wurde ich von Wee nach dem Eintreffen ihrer Helfer aus dem Raum komplimentiert.
Also ging ich hinüber ins Haupthaus, setzte mich zur Sozialarbeiterin Birgit ins Büro und gemeinsam starrten wir gelangweilt hinaus in den Sturm. Das für den Abend vorgesehene Konzert war abgesagt worden, es war nicht mit einem Besucheransturm zu rechen.

Die Zeit verging und ab und an sah man einige Jungen und Mädchen ums Haus laufen, sich selbst fotografierend und in einer Hand auch locker eine Bierflasche haltend…

Alles im grünen Bereich. Ich sah auch keine Veranlassung, schon mal rüber zu gehen, um nach dem Rechten zu sehen. Man will ja auch nicht als spießiger, alter Sack dastehen, der der Jugend nicht ihren Spaß gönnt…

Die Party begann gegen 18 Uhr und irgendwann gegen halb Neun siegte meine Neugier dann doch und ich ging mal kurz hinüber in die Partyhütte.
Dass mir laute Hip Hop-Musik entgegenschallen würde, damit war zu rechnen.
Aber mussten deshalb die von Blacky geliehenen Boxen gleich lautstark um Hilfe flehen?
„Guckt mal, was für Superboxen ich gekriegt habe“, hatte sich Narissara gefreut, als die ersten Gäste eintrafen – kurz bevor ich weggeschickt wurde.

Jetzt kam aber richtige Panik in mir auf. Wenn die Kids die Boxen jetzt killen stehen mir einige nahrungslose Monate bevor!

Ich bin nicht sehr freundlich durch die Menge der Kids zum Laptop meiner Tochter gepflügt und auch meine Ansprache an den Jungen, der daran herumfummelte war alles andere freundlich – hatte ich ihr nicht ausdrücklich gesagt, sie solle NIEMANDEN an ihr Notebook lassen? Immerhin wurde die Lautstärke umgehend heruntergedreht – meine Ohren klingelten dennoch – und die Lautsprecherboxen quittierten diese Reduzierung mit einer dankbaren Soundverbesserung.

Erst jetzt, als ich mich anschickte, die Hütte wieder zu verlassen, sprang mich das Bild des Grauens an. 
Ich glaube, mir blieb vor Scheck der Mund offen stehen – ein Anblick, für den viele, die mich näher kennen ein fürstliches Eintrittsgeld hingeblättert hätten. Meine letzten Haare werden wohl steil aufgerichtet gewesen sein und sämtliche Farbe hatte mein Gesicht verlassen:

Das war doch vor drei Stunden noch eine schicke, anheimelige Grillhütte gewesen – sauber, gemütlich, aufgeräumt.

Ich habe in meinem Leben schon mehr als nur eine Chaos-Party er- und überlebt, aber gerade jetzt bot sich mir ein Anblick wie nach einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg: Leere und halbvolle Flaschen kullerten, so sie nicht auf andere Hindernisse trafen, fröhlich quer durch den Raum. Benutzte Pappteller, Becher, Besteck und auch die eine oder andere angenagte Grillwurst und Hähnchenschenkel oder Flügel bedeckten den Boden.

Dazwischen wurde fröhlich getanzt – zum Glück, denn wer bewegungslos hier verharrte kam nach kurzer Zeit nicht mehr ohne Verlust seiner Schuhe von der Stelle.

Ich schloss die Augen, holte zweimal ganz tief Luft…

Neben mir stand plötzlich Wee und strahlte mich an.

„Die Party läuft so super! Danke, Papa!“

Mein Lächeln ob ihrer Worte wird wohl dem wölfischen Grinsen eines Mörders bei der Annäherung an sein Opfer geglichen haben – wortlos verließ ich die Hütte – ja, ich flüchtete förmlich Richtung Büro, wo ich mich dann in den Sessel vor dem Laptop fallen ließ und noch mehrmals tief Luft holen musste.

Ich kochte innerlich.

Bei allem, was mir jemals heilig gewesen sein sollte – so eine grenzenlose Schweinerei wie vor wenigen Minuten hatte ich in meinem wildbewegten Leben noch nicht gesehen – und dabei waren mir die Verwüstungen im umliegenden Gelände noch entgangen, weil ich nur da weg musste, wenn ich nicht explodieren wollte…

Mein erster Impuls war ehrlich gesagt, mir aus der Werkstatt eine Axt zu holen und die Party für beendet zu erklären…

Tief Luft holen, Reiner!

Immer nur ganz tief und langsam einatmen…

"Du wirst jetzt nicht die Spaßbremse sein, wie sonst immer. Du hast diese Party sogar angeregt und jetzt musst du da durch."

Mein schwärzester Moment in meiner langjährigen Mitarbeit in diesem Jugendhaus war 1988 eine Veranstaltung gewesen, an der 140 Skinheads teilgenommen hatten. Damals hatte ich mit 29 Jahren mein erstes Loch im Kopf (wirklich nur ein Versehen, keine Absicht eines Besuchers) und am Ende war eine Scheibe in der Eingangstür eingeschlagen worden – und das hatten wir damals schon als Super Gau empfunden…

Wie harmlos zu dem Chaos eben…

Ich zwang mich, eine DVD mit einigen M*A*S*H-Folgen einzulegen und schaffte es dann im Verlauf des Abends tatsächlich vier Folgen anzusehen – natürlich immer nur eine Folge, bevor ich mich auf eine Runde ums Gebäude begab und mit Entsetzen feststellte, wie sich immer mehr Flaschen und anderer Müll rund ums Haus ansammelten – von den Sauereien in den Toiletten ganz zu schweigen.

Da fiel es kaum noch ins Gewicht, dass ich mehrmals gezwungen war, einige übereifrige Jüngelchen aus der Mädchentoilette zu zerren, was mir unter den Freunden meiner Tochter ganz sicher noch weniger Sympathiepunkte eingehandelt hat.

Zwischendurch war meine Frau auch noch eingetroffen und hatte sich ganz mutig in das Getümmel gewagt, nur um zwei Stunden später, bevor sie dann entnervt mit dem Taxi nach Hause fuhr, im Büro vor mir zu stehen und über das Chaos zu schimpfen – „Du und deine Tochter – ihr seid  beide bekloppt!“ musste ich mir noch anhören, als ich ganz entgegen meines inneren Aufruhrs Atcharas Entsetzen zu beschwichtigen suchte. „Und da ist dieser Junge“, schimpfte sie weiter. „Ich hab ganz genau gesehen, wie der um Wee herumlungert und die immer berührt. Und Wee auch!“

Ja, stimmt, der Kerl war mir eben bei einem Kontrollgang auch aufgefallen, als er sehr nah – ZU NAH – bei Narissara saß und ich auch nur EINE seiner Hände sehen konnte. 

Leider verhindert der Empfang von Hartz IV-Leistungen seit Jahren den schon länger angedachten Kauf einer Schrotflinte…

Ich hab nicht mehr so viel Erinnerung an den weiteren Verlauf des Abends – jedenfalls bestand ich gegen halb Eins morgens darauf, die Party zu beenden. Die ersten Eltern hatten ihre Söhne und Töchter eh schon abgeholt und angesichts der Berge von Unrat, die sich in und um die Hütte stapelten, erschien mir diese Maßnahme angemessen – auch wenn sie von den anderen wieder als Schikane eines alten Sacks aufgefasst wurde.
Zum Glück blieben noch sechs Freundinnen und Freunde meiner Tochter da und halfen mit, das Chaos wieder zu beseitigen. Anderthalb Stunden später konnte ich dann die Hütte abschließen und mich selbst auf den Heimweg machen.

Die kurze Nacht verbrachte ich mit Albträumen, in denen ich in einem Meer benutzter Pappteller mit Kartoffelsalatresten und halbverzehrten Grillwürsten in die tiefsten Tiefen der Hölle gerissen wurde und das letzte, was ich sah, bevor die Müllberge über mir zusammenschlugen, war, wie das altehrwürdige Jugendhaus in einer dunklen Staubwolke in einen sich auftuenden Schlund gerissen wurde…

Schweißgebadet fuhr ich aus dem Schlaf: Samstagmorgen 6 Uhr.

Zeit aufzustehen und die Entsorgung des Leerguts in Angriff zu nehmen und dann vor allem früher als mit der Hausmeisterin vereinbart zum Jugendzentrum zu fahren und den ganzen übersehenen Unrat zu entfernen, bevor sie zur Schlüsselübergabe kommt und von einem Herzschlag dahingerafft wird…

Obwohl ich eine Stunde vor der Zeit eintraf war Waltraud schon im Einsatz und empfing mich lachend vor der Hütte.
„Na, die haben ja ganz schön rumgesaut“, begrüßte sie mich.
„Ich weiß, das hat mir auch keine Ruhe gelassen, deshalb bin ich jetzt schon hier, um – eigentlich vor deinem Eintreffen – noch einiges zu bereinigen.“
Waltraud winkte ab.
„Halb so schlimm. Aber jetzt weißt du, warum wir eigentlich solche Feiern nicht erlauben – auch keine 18. Geburtstage…“

Ja, ich hab’s kapiert – wirklich.

Obwohl die Hauptsache ist, dass meiner Tochter ihre Party Spaß gemacht hat – und das auch obwohl ihr nörgelnder Vater immer mit Leichenbittermiene ums Haus gestrolcht ist…

Samstag, 3. Mai 2014

Schwarze Löcher und Gnome



von Helen Kowalewski
 
Wie das zusammen passt? 

Keine Ahnung.
Ich weiß nur, dass ich fast täglich mit beiden zu tun habe… bei mir daheim.

Beschäftigen wir uns zunächst mit den schwarzen Löchern. Kennt ihr doch sicher. Auch wenn ihr euch, wie ich, nicht besonders für Astronomie und/oder Astrophysik interessiert. Wenn nicht… Wikipedia sagt u. a. über Schwarze Löcher: Ein Schwarzes Loch ist ein astronomisches Objekt, dessen Gravitation so extrem stark ist, dass aus diesem Raumbereich nichts - auch kein Lichtsignal - nach außen gelangen kann.

Meine Schwarzen Löcher heißen Handtasche und weisen ähnliche Eigenschaften auf. Ist einmal etwas in ihren dunklen Tiefen verschwunden, taucht  es günstigstenfalls nach langer Suche, meist aber erst nach Monaten, oft aber auch erst nach Jahren wieder auf. 

Da ist z. B. die Mehrfahrtenkarte, die ich vor Monaten in einer meiner Taschen versenkt hatte. Heute brauchte ich sie, denn die Sonne schien, laut Internet sollte das auch für den Rest des Tages so bleiben, und ich hatte Lust, mal wieder meine Heimat, die schöne Stadt Köln zu besuchen, mich gemütlich auf der Bestuhlung der zahlreichen Außengastronomie niederzulassen, die vorbeiströmenden Menschenmassen zu beobachten und mir mehr oder weniger dumme Gedanken über sie zu machen. Einfach mal wieder Stadtluft schnuppern…

Okay, auch Burscheid ist eine Stadt (husthust) und hat Außengastronomie. Ob die allerdings schon die Bestuhlung draußen hat, weiß ich nicht so genau, da es mich in die Diaspora von Hilgen verschlagen hat und ich mich eher selten in die Metropole Burscheid verirre. Und mal ehrlich… von strömenden Menschenmassen kann selbst in Burscheid CITY kaum die Rede sein.  

Aber zurück zur besagten Handtasche…

In dieser schlummerte meine Fahrkarte und war noch für zwei Fahrten gut. Als Mensch, der nach den kaufmännischen Prinzipien des allseits beliebten Peter Hartz lebt (leben muss), hat man keine so dicken Taschen, sich einfach eine neue zu kaufen. Schon mal gar nicht nach Köln, und besonders dann nicht, wenn noch ein Kaffee bei besagter Kölner Außengastronomie drin sein soll! 

Also ist Kriminalistik angesagt. 
Ich WEISS, die Karte steckt da drin, und nach  akribischer Fahndung kommt sie auch sicher wieder raus. Was ist also zu tun? Sämtliche Innentaschen (mit und ohne Reißverschluss) werden durchwühlt, der gesamte frei zugängliche Inhalt auf dem Tisch ausgebreitet, die Tasche von rechts auf links gedreht, das Innenfutter ausgeschüttelt, auf Risse untersucht, die ganze Tasche wild gebeutelt… 

NICHTS!

Sollte ich die Fahrkarte doch in einer anderen Tasche untergebracht haben? Ist das wirklich diejenige, die ich bei meiner letzten Fahrt nach Köln dabei hatte? Oder habe ich das Ticket doch in irgendeiner Jacken- oder Manteltasche? Was hatte ich eigentlich damals an? Fragen über Fragen….

Nun nur nicht aufgeben! Nach ähnlich gründlicher Inspektion etwa der Hälfte meiner Taschen (… und das sind viele. Was wollt ihr? Ich bin ne Frau! Handtaschen sind für mich überlebenswichtig. Und bei Ebay kriegt man die schon für´n Appel und ‚n Ei (wenn man gewillt ist, mitten in der Nacht aufzustehen und den Computer anzuwerfen, um sein Gebot abzugeben).

Irgendwann machte mich das kontinuierliche Knurren meines Magens darauf aufmerksam, dass die Mittagszeit schon überschritten und es höchste Zeit war, mir Nahrung zuzuführen. Also was Schnelles gekocht, gegessen, gespült und weiter gesucht. Der Ausflug war zwar längst abgehakt, aber dafür hatte mich der Ehrgeiz gepackt.
Langsam sank die Sonne Richtung Dächer, der Abend verdrängte den Tag, und… ich gab auf! Ein letztes Mal  erneut die erste Tasche geschüttelt… und die Fahrkarte segelte auf den Tisch… aus einer Innentasche, die ich mindestens dreimal durchsucht hatte! Und morgen soll es regnen….

Na ja, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. 
Aber diesmal behalte ich sie im Auge. Ich hab sie an mein Board gepinnt!

Jetzt zum Gnom…

Ich rede hier vom Gemeinen Hausgnom, dessen Vorhandensein nicht nur von mir, sondern auch von meiner Tochter bestätigt wird. Ähnlich wie die Schwarzen Löcher namens Handtasche, sackt er sich Sachen ein und rückt sie so schnell  auch nicht mehr heraus. Ich vermute deshalb stark, dass Handtaschen und Hausgnome miteinander verwandt sind. 

Ihr glaubt mir nicht? 

Ich schwöre, dass ich die Wahrheit sage! 

Ich habe meinen Gnom zwar noch nicht erwischt, aber ich kann seine Existenz beweisen!

Eben zündete ich einen Zigarillo mit meinem Feuerzeug an, um mich über das Desaster des geplatzten Ausflugs nach Köln zu trösten und legte es neben mir auf dem Beistelltisch ab. Danach habe ich den Zigarillo im Aschenbecher deponiert, bin in die Küche und habe mir ein Kännchen Marokkanischen Pfefferminztee aufgebrüht (mein süßer Magen- und Seelentröster), habe das Teekännchen und ein Stövchen auf den Beistelltisch gestellt, wollte das Teelicht anzünden und… 

DAS FEUERZEUG WAR WEG! 

Möglich, dass ich mir das nur einbilde, aber ich bin mir fast sicher, ich hörte ein Kichern unterm Sofa. Natürlich habe ich zuerst unter dem Tisch nachgeschaut, dann unter dem Sofa, danach in der Küche und schließlich in meinen diversen Taschen (und ich besitze viele davon… ihr erinnert euch) nach einem anderen gesucht. Endlich fündig geworden, wollte ich das Teelicht anzünden, 

UND WAS LIEGT DA NEBEN DEM ASCHENBECHER??? 

GENAU!!!

Und nun erzählt mir, Gnome gäbe es nicht…

Samstag, 26. April 2014

These shoes are made for walking...

Wer den heutigen Titel liest, dem dürfte schnell zweierlei klar sein: Zum einen nehme ich mal wieder Bezug auf einen Songtitel  - diesmal von Nancy Sinatra aus dem Jahre 1966 -, was natürlich den meisten meiner Leser nichts sagen wird.

Und zum zweiten offenbart der Liedtitel das heutige Thema: Schuhe!

Ha, Frauenthema! Werden jetzt nicht wenige denken – die männlichen Leser werden sich gelangweilt abwenden und die Damenwelt wird aufhorchen: Was kann uns ein MANN zu dem Generalthema SCHUHE wohl schon sagen, was wir nicht längst darüber wissen?
Recht so – die Damen werden tatsächlich nichts Neues erfahren, außer halt, dass ich langsam aber sicher stinksauer über das Allerweltsprodukt (Ich weiß, meine Damen, für Euch ist es ein Produkt voller Erotik und was-Weiß-ich-denn-schon-sonst-noch-alles…) Schuhe.

Wie schon der Titel aussagt, sind Schuhe zum Gehen gemacht. Eigentlich mal als Schutz der bloßen Füße vor den Widrigkeiten der Umwelt, später dann zur Zierde und als Sammlerobjekt für Frauen, deren einziges Lebensziel es manchmal zu sein scheint, Unmengen von Schuhen in allen möglichen Formen und Farben zu kaufen und dann unbenutzt in den Schrank zu stellen, wo sie die Objekte ihrer Begierde dann stundenlang mit entrücktem Blick anhimmeln können. Fragt mich nicht, was in solchen Momenten durch den Kopf einer Frau geht – ich hätte schon mittelgroße Probleme euch eine Antwort zu den verbleibenden weiblichen Momenten zu geben – aber das ist ja wohl ein universelles Männerproblem.

An dem Tag, an dem ich die Frauen endlich verstehen werde, nagen wahrscheinlich schon mehrere Generationen Würmer an meinem Astralkörper…

Aber wie so oft – oder eigentlich immer – bin ich mal wieder etwas, diesmal nur ein ganz klein wenig, vom eigentlichen Thema abgekommen, das da lautet: „Die Schuhe sind zum Gehen gemacht…“
Ich weiß nicht, wann die Schuster oder wie die Gilde derer, die dieses Produkt heutzutage herstellt, den ursprünglichen Sinn des Schuhwerks aus den Augen verloren haben – oder aber, ob sie keinen Berufsstolz mehr besitzen und sich einen Dreck darum scheren, ob die von ihnen produzierten Objekte überhaupt noch in der Lage sind, den ihnen vorbestimmten Zweck auch nur annähernd zu erfüllen.

Ist außer mir schon mal jemandem aufgefallen, dass Schuhe, wenn sie tatsächlich zum Gehen benutzt werden, eine irre kurze Lebensdauer haben?

Ich könnte die Wände hochgehen!

Früher ist mir das nicht aufgefallen, da wurden Schuhe beim Verlassen der Wohnung angezogen, um schnell ins Auto zu huschen, mit dem man dann zur Arbeit oder zum Einkaufszentrum fuhr, schnell im Sauseschritt seine Tätigkeiten verrichtete und husch-husch wieder zurück ins Auto sprang, um den Nachhauseweg bequem zu bewältigen und nach einem kurzen Sprint in die Wohnung war man das Schuhwerk dann auch schon wieder los – Die Schuhe hielten damals einfach ewig…

Dann kam der Tag, an dem meine Pumpe einen Satz machte, mich für einige Zeit ins Krankenhaus und unters Messer beförderte, wo mir dann zwei Ersatzteile verpasst wurden. Das war an sich ja nicht ganz so schlimm, schließlich stehe ich da nicht ganz alleine da und mir wurde versichert, dass ich durchaus noch 200 Jahre alt werde könne, wenn ich mich unter anderem dazu entschließen könne, täglich etwas für meinen Astralkörper zu tun – die Ärzte wollten da ganz klar auf Sport hinaus, eine Tätigkeit, die ich schon zu Schulzeiten hartnäckig verweigert habe, da sich mir bis heute nicht der Sinn erschließt, was ich denn davon habe, zu wissen, dass ich 100 Meter in 28,3 Minuten schaffe, Hinz und Kunz aber in 12 Sekunden…

Ist mir doch so was von Schnuppe – solange derjenige, der hinter mir herrennt, mir nicht gerade eins aufs Maul geben will, kann der doch an mir vorbeiziehen so oft er will – ich hab da gar kein Problem mit…

Ach ja, ich schweife wieder ab…

Der Disput mit den Ärzten endete dann in dem Kompromiss, dass ich mich dazu „herabließ“ zukünftig täglich mindestens eine halbe Stunde spazieren zu gehen – und mittlerweile habe ich das freiwillig sogar auf eine Stunde ausgedehnt und es macht sogar meistens Spaß mit den Stöpseln im Ohr durch die Gegend zu laufen, die anderen Menschen zu beobachten und laute Rockmusik zu hören…

Aber damit begann auch dieses leidliche Schuh-Dilemma!

Denn egal, ob ich für mein Schuhwerk nur geizige 20 Euro hinblättere oder (für einen Hartz-IV-Empfänger) enorme 50 Euro – ich kann beim Kauf darauf wetten, dass die Schuhe nach 2 Monaten ein Fall für die Mülltonne werden, denn dann sind sie durchgelaufen.

Liebe Schuhhersteller: Ich bin ein Mann, der Schuhe kauft, um in ihnen tatsächlich ihrer Bestimmung entsprechend herumzulaufen – ich kaufe die Dinger nicht wie eine Frau, um sie mir unbenutzt in den Schrank zu stellen, weil sie so süß sind…

Wie wäre es, wenn ihr langsam aber sicher mal wieder haltbares Schuhwerk zu einem erschwinglichen Kaufpreis herstellt?

ICH zumindest wäre euch sehr dankbar…


Schönen Tag auch, ich mach dann jetzt mal meine tägliche Runde!

Samstag, 19. April 2014

Riskante Geschäfte

„Dann sind wir ja klar“, resümierte Hans und lehnte sich auf dem Sofa zurück. „Du kommst freitags direkt nach dem Dienst nach Hause, wir sorgen dafür, dass dann die Kohle bereitliegt und du kümmerst dich um das Dope.“
Harry nickte, während er sich Mischung in den Kopf der Huka schaufelte, um sich anschließend das Gerät an den Mund zu halten und die Ladung mit einem tiefen Zug zu inhalieren.
„Ja, das geht klar – und Jörg fährt mich dann Sonntagabend zurück in die Kaserne.“

Alles war geregelt.

Pünktlich zu Beginn seines Wehrdienstes war es Harry gelungen, eine günstige Connection aufzutun, bei der er die wöchentlichen Ladungen Rauchware für sich und seine Mitstreiter in der Tafelrunde bekam. Die Sache hatte nur den Haken, dass derjenige nur in Kontakt mit Harry treten wollte und auch während des Wehrdienstes keinen Vertreter akzeptieren wollte. Obwohl er natürlich Harrys sämtlichen Kumpels nicht unbekannt war, pflegte Walter, ein großes Tamtam um seine Tätigkeit zu veranstalten.
Aber was sollte es – die Connection war günstig und vor allem zuverlässig, so dass sich Harry auf den Deal mit seinen Kumpels einließ und fortan pünktlich nach Dienstschluss Freitags zum Delmenhorster (später zum Celler) Bahnhof eilte, um die schnellste Verbindung in sein Heimatdorf zu erwischen, wo er von Jörg oder Hans oder auch schon mal Tobi mit einem Bündel Geldscheine erwartet wurde, die er in den nächsten Stunden in die begehrte Rauchware verwandeln sollte.
Ein Unterfangen, das auch immer reibungslos verlief: Ankommen, Geldübergabe, einen kurzen Abstecher zu Walter, der dann den Zeitpunkt der Abholung der Ware festlegte und dann halt spät abends die Drogenübergabe und anschließende Verkostung im Kreise der Gruppe, die sich in Anlehnung an Monty Pythons „Die Ritter der Kokosnuss“ die Tafelrunde nannten, wohl wissend, dass sie alles andere als ritterlich waren – höchstens genauso plemplem wie die Python’sche Ritterrunde…

Es ging immer alles klar, Woche für Woche – bis:

Harry und Walter hatten 21 Uhr für die Abholung des Rauschmittels vereinbart und es war selbstverständlich, dass Harry auf die Minute pünktlich an Walters Wohnung klingelte, der auch beinahe sofort die kleine Klappe in seiner Haustür öffnete und mit leicht glasigem Blick hinausspähte.
„Was willst denn du?“ lautete die barsche, leicht nuschelige Frage.
„Wir hatten eine Verabredung“, erwiderte Harry und vermied es, im Hausflur über das brisante Unternehmen zu sprechen, ganz so wie Walter es ihm bei jedem Treffen immer wieder in seinen neurotischen Augenblicken eingebläut hatte.
„Kann nicht sein“, kam die Antwort und Walter wandte sich ab.
„Heh, Moment“, Harry wurde ein kleines bisschen lauter und schob die Hand in das Türfenster, bevor Walter es schließen konnte.
„Ich hab dir vor drei Stunden die Kohle gebracht und jetzt erwarte ich die vereinbarte Lieferung!“
Es sollte entschlossen wirken, doch Walters gelangweilter Blick ließ ihn unsicher werden.
„Was sonst?“ kam die gleichgültig gestellte Frage.
„Ja sonst“, Harry überlegte. Eigentlich kam er mit Walter, den er auch außerhalb des wöchentlichen Drogendeals schon seit etlichen Jahren zumindest flüchtig kannte, ganz gut klar. In vielen Dingen lagen sie auf einer Wellenlänge – zumindest solange es nicht um harte Drogen ging, von denen Harry glaubte, dass Walter diese auch in nicht unbeträchtlicher Menge konsumierte.
„Sonst…“ Harry zuckte die Schultern und wurde wieder unsicher. „Sonst wirst du erleben, was passiert…“
Das klang ganz und gar nicht taff und Harry wusste es, auch ohne das höhnische Gelächter hinter dem sich schließenden Türfenster.

„Toll!“ schoss es Harry durch den Kopf. „Tolles Wochenende! Fängt ja mal wieder prima an!“

Er trollte sich mit dunklen Gedanken die Treppe hinunter aus dem Haus und suchte den Treffpunkt mit seinen Freunden auf.
„Das gibt’s nicht!“ ereiferte sich Tobi, der von ihnen körperlich der Kleinste war und hieb mit dem Hackmesser wütend in den Rest der Mischung, die er in Erwartung des Nachschubs vorbereitet hatte. „Haben sie dem ins Hirn geschissen, oder was?“
Harry rollte mit den Augen und zuckte einmal mehr mit den Schultern.
„Und jetzt?“ Tobi war richtig böse – der Großteil der Kohle stammte aus seiner Tasche.
„Was soll ich machen?“ nuschelte Harry, der sich gar nicht wohl fühlte, denn obwohl solcherart Geschäfte natürlich keine rechtliche Grundlage hatten, war er für den Verlust der Summe verantwortlich und das hieß bei seinem Wehrpflichtigen Sold – er wollte lieber nicht daran denken….

Hans war es, der erst ganz ruhig die Huka neu füllt, sich das Gerät ansetzte und den Inhalt des Kopfs in einem langen, tiefen Zug inhalierte, danach genüsslich eine gewaltige Rauchwolke ins Wohnzimmer blies und sich im Sessel zurücklehnte.
„Keine Panik!“ sagte er und kämpfte gegen einen Hustenanfall an. „Das kriegen wir schon wieder hin…“
„Ja, Klasse“, nörgelte Harry. „Soll ich morgen zu Walter gehen und ihm eine einscheppen?“
Schon bei dem bloßen Gedanken an diese Aktion wurde ihm ganz schlecht. Walter war mehr als einen Kopf größer als Harry und von seiner Statur her, würde er ein gewaltiges Pfund in den Schlag seiner Fäuste geben können. Harrys K.O. war so gut wie vorprogrammiert.
„Ne“, lachte Jörg und tat seinerseits einen Zug aus der Huka.
„Ganz sicher nicht.“ bestätigte Hans und blickte in die Runde. „Da hast du Null Chance, aber wir könnten dem mal so richtig einen Schrecken einjagen. Danach rückt der dir das Dope schon raus…“
Hans strich sich das lange blonde Haar hinter die Ohren.

„Tobi, du hast doch da zu Hause ein paar Knarren…“

Harry quollen bei diesen Worten fast die Augen aus dem Kopf.

Waffen!

Scheißdreck – schon beim Bund waren ihm die Dinger suspekt und nach einem ersten Probeschießen, dass ihm zumindest bestätigte, dass er die anvisierte Richtung halten konnte, hatte er seine eigene Methode entwickelt die andauernden Schießübungen mehr oder weniger zu boykottieren. Und jetzt schlug Hans allen Ernstes den Einsatz und – nein nicht wirklich, oder? – Gebrauch von Schusswaffen vor.
Klar Tobias war ein Waffennarr und in seinem Zimmer in der elterlichen Wohnung lag immer was rum – mal eine Automatik; einen einschüssigen Schrot-Derringer hatte Harry auch schon mal probeweise angefasst – und natürlich der 45er Colt: dieses gewaltige, schwere Ding, bei dem sich Harry immer fragte, wie die Westernhelden damit so schnell ziehen und schießen konnten…

„Also – bei Waffen bin ich raus“, wehrte Harry ab und Jörg und Hans brachen wegen seines erschrockenen Gesichtsausdrucks in schallendes Gelächter aus.
Tobi war schon auf der Suche und kam kurz darauf tatsächlich mit einer Automatik und dem berüchtigten 45er zurück. Hans zog seine Jacke aus und griff nach seinem kleinen Revolver, den er aus nie näher definierten Gründen schon seit geraumer Zeit immer mit sich herumtrug. Er überlegte es sich anders und griff nach dem 45er, wog ihn in der Hand. Bei ihm sah das relativ locker aus und unvermittelt warf er die Knarre zu Harry, der sie gerade so mit beiden Händen auffing – und dennoch nicht verhindern konnte, das dieses mächtig schwere Gerät scheppernd auf den Wohnzimmerboden krachte, was ihm sämtliche Farbe aus dem Gesicht trieb, bei dem Gedanken, ein Schuss könne sich lösen.
„Keine Angst, du Schisser“, feixte Tobias und öffnete die rechte Hand, in der 6 Patronen funkelten. „Hab’s nicht geladen – viel zu gefährlich in der Bude!“
Mit leicht zitternden Fingern hob Harry den Ballermann vom Boden auf und wiegte ihn prüfend in der rechten Hand, die sofort wieder einen unwiderstehlichen Drang entwickelte, sich dem Fußboden zu nähern.
„Boah, ist das Scheißding schwer“, jammerte er.
„Kein Problem – das kriegst du morgen schon hin und denk dran, der, der in den Lauf dieser Kanone guckt, hat ganz bestimmt noch mehr Schiss als du…“

Es ließ sich wohl nicht vermeiden – am nächsten Morgen klingelte Harry bei Walter und stiefelte, nachdem er die Haustür aufgedrückt hatte, die zwei Etagen hinauf, wo Walter schon aus seinem Türfensterchen lugte.
„Du schon wieder“, grinste er und wollte sich gleich wieder abwenden.
Harry fasste all seinen Mut zusammen und riss den Colt hoch, den er unter seiner Jacke versteckt gehalten hatte. Er schob den Lauf durch das Fenster und lehnte die Waffe auf den Rahmen, froh, dass die Auflagefläche das Zittern seiner Hand kaschierte.
„Pass auf, Walter“, sagte er mit einem leichten Schwanken in der Stimme. Seine Knie fühlten sich gerade weich wie Pudding an und er wünschte sich an so ziemlich jeden Ort der Welt – nur nicht gerade hierhin und zu diesem Augenblick. „Bevor du jetzt wieder was Falsches tust und mich zwingst Sachen zu tun, die ich gar nicht tun will – Geh einfach mal an dein Wohnzimmerfenster, zieh die Gardine zur Seite und guck mal auf die Straße.“

Ob es normal war, dass sich gerade jetzt seine Blase meldete? 

Harry hatte das Gefühl, dass der Revolver in seiner Rechten von Sekunde zu Sekunde immer schwerer wurde.
Walter wurde blass, starrte kurz wie hypnotisiert in den Lauf des 45er und bewegte sich rückwärts vom Fenster fort.
Schweiß rann Harry ins rechte Auge und brannte so höllisch, das er mit der linken Hand die Flüssigkeit wegwischen musste.
„Hoffentlich ist Walter nicht aufgefallen, dass ich den Abzugshahn überhaupt nicht gespannt habe!“ durchzuckte es ihn. Tobias hatte ihm gestern Abend lange und immer wieder eingebläut, dass er das tun solle, bevor er das Ding auf Walter richtete, denn den Revolver abzufeuern, ohne zuvor den Hahn zu spannen, hatte sich bei den Trockenübungen als unmöglich herausgestellt.

Bei dem Versuch, jemandem den Kopf wegzublasen, würde er sich wahrscheinlich eher das rechte Ei wegschießen…

Er hörte Walter im Wohnzimmer mit der Gardine rascheln und ihn dann erschrocken einatmen, als auf dem Bürgersteig – in Sichtweite zu seinem Wohnzimmerfenster – Hans und Tobias mal eben kurz ihre Jacken anhoben und ihre im Hosenbund und Hans‘ Schulterhalfter befindlichen Knarren aufblitzen ließen…
Der Schweiß auf seiner Stirn wollte nicht versiegen und jetzt brannten beide Augen höllisch. Harry sah eigentlich kaum noch etwas und das Zittern seiner Hand musste jetzt auch für einen Blinden ganz klar zu erkennen sein und seine Beine – „Mein Gott! Ich kippe gleich aus den Latschen und pisse mir auch noch in die Hose!“ durchzuckte es Harry, während er hörte, wie Walter zurück kam.

„Mann, Alter“, rief er halblaut durch das Fenster und hantierte am Türschloss. „Das war doch alles  nur ein Riesenmissverständnis…“

Die Tür öffnete sich, Harry zog die Wumme zurück und steckte sie mit letzter Kraft in den Hosenbund – zum Glück gesichert, seine Eier waren in diesem Augenblick einer immensen Gefährdung ausgesetzt – und stakste mit unsicheren Schritten hinter Walter her, der entgegen seiner sonstigen Art nicht aufhören wollte, sich mit einem unendlichen Wortschwall für das „Versehen“ zu entschuldigen.

Irgendwann saß Harry dann wieder im Kreis seiner Kumpane, setzte das Huka an und haute sich einen extra fetten Kopf in die Birne. Er bekam noch mit, wie ihm Hans anerkennend auf die Schulter klopfte, blies in Begleitung eines fürchterlichen Hustenanfalls eine gewaltige Rauchwolke in den Raum und griff nach dem Revolver, den er mit immer noch zitternden Händen vorsichtig auf den Tisch ablegte und mit einer Bewegung, die alle Verachtung der Welt beinhaltete, zu Tobias hinüberschob.

Eines war sicher: Harry war für solcherart Action nicht gemacht und für ihn war klar, dass diesen Job schnellstmöglich jemand anders übernehmen musste.

Dann erreichte das THC wohl seinen Verstand, der in einen wohligen Nebel eintauchte, in dem sich langsam aber sicher die unendliche Angst dieses Morgens verlor…

Dienstag, 15. April 2014

Ein Angebot, das man (nicht) ablehnen kann…

von Helen Kowalewski



Erziehung kann ja so erschreckend sein!

Da hört man aus allen Ecken Leute reiferen Alters über die Jugend von heute schimpfen und deren Erziehung bitter beklagen, und obwohl  ich aufgrund meiner vielen entsprechenden Kontakte die Meinung vertrete, dass die meisten jungen Leute eigentlich recht ordentlich geraten sind, muss ich ihnen plötzlich zustimmen.

Nein, ich bin NICHT überfallen worden.

Angepöbelt hat mich auch niemand, sieht man mal von dem „charmanten, jung gebliebenen, sensiblen“ Mittsiebziger ab, der mich in einem der gängigen Social Networks  anbaggerte und von mir einen Korb bekam, weil ich mich irgendwie mit den von ihm in Aussicht gestellten Lebenshöhepunkten nicht anfreunden konnte, wie: uns gemütlich auf der Couch einer der actiongeladenen (gähn) amerikanischen Serien oder die neueste hochintelligente deutsche Show reinziehen , zu Worten und Klängen von Andrea Berg oder Helene Fischer einen flotten Disco Fox aufs Parkett legen, begeistert zu den Klängen der angesagten Blaskapelle mitklatschen, im eigenen Garten Unkraut jäten (ganz zu schweigen von der Verarbeitung des vielen an- bzw. abfallenden Obstes) und was der ähnlichen Knaller Erlebnisse mehr sind. Und Außendienstler vor meiner Wohnungstür (ob jugendlich oder nicht) werden von mir auch stets rasch und (bis zu einem gewissen Aufdringlichkeitsgrad) meist auch höflich verabschiedet. Niemand wollte an mein Leben, meine Gesundheit oder gar mein Eigentum…

Was ist also passiert?

MAN HAT MIR IM BUS EINEN PLATZ ANGEBOTEN!

Wie schockierend!

Ich bin doch nicht alt!!!

Andere in meinem Alter sind alt, aber ich doch nicht! 

Nicht, dass mir nicht schon seit einiger Zeit aufgefallen wäre, dass meine Rappenmähne sich langsam zum Schimmelfell wandelt. Nicht, dass die Lachfalten rund um die Augen im Spiegel immer mehr Canyons ähneln. Nicht, dass der Körper nicht ab und an reklamiert, dass ich nicht immer besonders sorgfältig mit ihm umgegangen bin. Aber so bewusst, wie in dem Augenblick, als der attraktive Jungspund im gut besetzen Bus von seinem Sitz aufstand und mir seinen Platz anbot, so deutlich habe ich bisher noch nie die Last meiner Jahre empfunden.
Muss ich mich jetzt langsam mal nach Rollatoren, Gebissen und preiswerten aber guten Pflegeheimen umsehen? Muss ich damit rechnen, dass mein Hirn langsam aber sicher in Richtung Demenz strebt? Wie lange noch, bis ich über meine Kondition nicht mehr meckere, sondern sie auf immer verabschiede?

Leute, das kann und darf doch nicht wahr sein!

Und das mir, die ich noch so viel vorhatte, wie reich werden, meine Liste der noch nicht besuchten Sehenswürdigkeiten auf der ganzen Welt abarbeiten, die große Liebe erleben usw., werde durch ein Beispiel guter Erziehung grausam daran erinnert, dass auch mein Leben endlich ist und mir das Gras, in das ich beißen werde, mit rasanter Geschwindigkeit entgegen wächst.
Alle diese Gedanken schossen mir während besagter Situation in Lichtgeschwindigkeit durch den Kopf. Okay, die Synapsen funktionieren also noch. Kein Grund zu Panik, junge Frau! Das Teenie wollte nur nett sein und dich keineswegs direkt in Richtung Altersheim manövrieren.
Es ist ja nicht so, dass man sich kurz vor der  60 nicht schon mal Gedanken darüber gemacht hätte, aber Tatsache ist, dass für mich das Alter ähnlich weit entfernt ist, wie einem Erstklässler die nächsten Sommerferien…. Äonen!!! Und dann muss man anhand solch eines Erlebnisses feststellen, dass es höchstens noch ein paar Jahre sind, die einem bleiben. Und die Jahre werden immer kürzer. So langsam verstehe ich meine Mutter immer besser, die bei anfallenden Sanierungsmaßnahmen unseres Hauses so treffend bemerkte „Das ist doch gerade (vor über 20 Jahren) erst gemacht worden!“
Das  alles sind Gedanken, die mich seit diesem Erlebnis quälen. Und die Ursache dieser Panikattacken: ein junger  Mann steht auf und fragt freundlich aber völlig unbedarft darüber, was er emotional in dir anrichtet: 

„Möchten Sie sich setzen?“

Und das alles nur, weil Erziehung doch noch zu funktionieren scheint. Liebe Eltern, ihr wisst ja gar nicht, was ihr mir damit angetan habt! Warum konntet ihr euren Sohn nicht zum oberflächlichen Egoisten erziehen, wie andere Eltern auch….

Ach ja… ihr wollt sicher noch meine Reaktion wissen: „Wenn du dich auf meinen Schoß setzen willst, gerne. Aber ich hab keinen Lolli dabei…“

Montag, 7. April 2014

Kein Unrechtsbewusstsein

Es ist schon mehr als nur traurig, was ich heute in der lokalen Tagespresse lesen muss: Da gehen auf der Balkantrasse zwei jugendliche Rüpel hin, kippen eine behinderte Frau mitsamt ihrem Rollstuhl um und klauen ihr das Portemonnaie…

Was für eine mutige Heldentat…

Ehrlich gesagt, kriege ich das Kotzen, wenn ich so etwas lese.

Was ist nur mit unseren Jugendlichen los?

Okay, Scheiße gebaut haben wir in jungen Jahren auch – und das ganz bestimmt nicht nur ein bisschen – aber uns wäre niemals auch nur im Traum eingefallen, uns an offensichtlich schwächeren Personen zu vergreifen, die absolut keine Chance auf Gegenwehr haben.

Das ist einfach nur MIES – und das ist noch gelinde ausgedrückt.

Um das Unrechtsbewusstsein ist es heutzutage eh nicht mehr so gut bestellt – kein Wunder, wenn man tagtäglich in allen Medien erfahren kann, dass beinahe jede Straftat dadurch entschuldigt wird, dass der/die Täter eine schwere, traumatisierende Jugend durchleben mussten; zu allem Überfluss auch noch im Säuglingsalter nur mit Mühe eine schwere Hustenepidemie lebend durchstand - oder, was natürlich das allerbeste strafmildernde Argument ist, man ist halt prominent oder Würdenträger in einer etablierten religiösen Vereinigung – da wird einem so mancher Fehltritt schon per se nachgesehen.

Woher also sollen die Kids heute noch lernen, was Recht oder Unrecht ist?

Dass eine Straftat zwingend eine angemessene Bestrafung nach sich zieht ist für die meisten heutzutage in den Bereich der Legende verrutscht:

Da kann ein prominenter Fussballmanager eine Millionensumme an Steuern hinterziehen, die selbst die meisten bundesdeutschen Millionäre niemals auf einem Haufen vor sich liegen sehen werden, und erhält dafür einen verschärften Stubenarrest in einer Prominentenbesserungsanstalt mit eingeschränktem Zimmerservice.

Ein Kindesmörder und –Vergewaltiger kann in den meisten Fällen darauf hoffen, dass seine Untat die Folge einer Krankheit ist und findet sich in den meisten Fällen sogar in der Rolle des Opfers wieder, dem die Öffentlichkeit gefälligst mit Umsicht und Vergebung zu begegnen hat. Die gerichtlich verordnete Sicherungsverwahrung bedeutet doch letztendlich auch nur, dass dieser Täter für den Rest seines Lebens keine Sorge um Unterkunft und Ernährung zu haben braucht.

Bist du gar Würdenträger einer religiösen Gruppe kannst du deine Fehltritte wie im finstersten Mittelalter immer noch auf göttliche Gebote und Weisungen abschieben und dich einer gewissen Immunität und/oder zumindest der Mithilfe vorgesetzter Instanzen bei der erforderlichen Vertuschung der Tat erfreuen.

Die Kids haben also überhaupt keine Chance, RECHT und UNRECHT unterscheiden zu lernen!

Da krankt es doch ganz gewaltig in unserem Rechtssystem, obwohl ich natürlich zugebe, dass die biblische Forderung von „Auge um Auge – Zahn um Zahn“ auch keine adäquate Alternative darstellt.


Aber manchmal…..